Mein Name ist Karl Kapper, ich stamme aus der Oststeiermark, wohne jetzt in Graz-Puntigam.
Viel wird über Flüchtlinge und Asylanten gesprochen, es kommt aber zu selten selbst ein Flüchtling zu Wort. Ich selbst bin ein Flüchtling, das wird manche überraschen, eigentlich sogar ein zweifacher. Ein Flüchtling ist für mich jemand, der auf Grund einer Bedrohung seine Wohnung, seine Heimat verlässt.
Teil 1: Meine erste Flucht
Meine erste Flüchtlingsgeschichte hat sich Ende der Siebziger Jahre (ich glaube es war 1978) in Berlin-West abgespielt. Als Gastarbeiter war ich insgesamt acht Jahre in Deutschland, zuerst in München und dann etwa sieben Jahre in Berlin tätig. In der zweiten Hälfte der Siebziger Jahre beschloss die Berliner Stadtregierung, einen bestimmten Stadtbezirk aufzuwerten. In diesem Stadtviertel wurden sodann viele Häuser generalsaniert. Dies hatte zur Wirkung, dass die Mietpreise sich gut verdoppelten.
Ich sehe da übrigens eindeutige Parallelen zu Graz. Der Bezirk Gries, wo ich von 1990 bis 2000 gewohnt habe, war jahrzehntelang dem Verfall preisgegeben, jetzt soll er wieder aufgewertet werden. Daher ist im Rahmen eines Stadtentwicklungsprojektes wieder investiert worden. Die ganze Gegend wird in der Folge etwas teurer werden und die Asylanten passen nun nicht mehr so gut da hin, bleiben also über. In der Bahnhofgegend planen lt. Presseberichten einige Firmen ein großes Einkaufszentrum. D.h. auch dort kann es "eng" werden für Asylanten.
Aber jetzt zurück nach Berlin: Aufgrund des wirtschaftlichen Drucks (es gab keine Duldung mehr) ist ein Teil der Rauschgiftszene in die Hasenheide umgezogen, etwa 100 Meter vom Einkaufszentrum Karstadt entfernt. Das Problem für mich war die Beschaffungskriminalität. In meine Wohnung im Erdgeschoß ist dreimal innerhalb kurzer Zeit eingebrochen worden. Einmal nach dem Abbruch des Nachbarhauses. Dadurch war der Weg frei zum Hinterhaus in dem ich gewohnt habe. Eine ältere Nachbarin hat diesen ersten Einbruch beobachtet und sich gewundert, dass da jemand aus dem Küchenfenster aussteigt und sich "sehr beeilt". Sie hatte kein Telefon und konnte daher niemanden verständigen. Der Schaden war gering, offensichtlich sind die Täter irgendwie gestört worden. Der zweite Einbruch war ein Fehlschlag. Es wurde versucht das Schloss von außen zu knacken, das Schloss war robust genug und wurde von der Hausverwaltung repariert.
Der dritte Einbruch hat bei mir einen wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen. Etwa zwei Wochen lang habe ich abends unregelmäßig Anrufe erhalten, aber niemand hat sich gemeldet (eine Art Anwesenheitskontrolle, eine Rufnummernanzeige gab es leider noch nicht). Nach dem Abendessen habe ich noch mal in der nahe gelegenen Werkstatt, etwa fünf Gehminuten von der Wohnung entfernt, gearbeitet. Ich komme nach Hause, gehe durch das Vorderhaus in den Hof und sehe durch den Küchenvorhang, wie jemand meine Küche mit der Taschenlampe durchsucht. Ich überlege ob ich umdrehen soll, gehe aber weiter und versuche die Wohnungstür aufzuschließen. Von innen ist die Kette eingehängt in einer Wohnung die nur ich bewohne! War vielleicht eh besser so! Ich wecke den Hausmeister, dieser ruft die Polizei. Nach ca. 10 bis 15 Minuten (für mich endlos!) kommt eine Zivilstreife, zwei Mann. Sie fragen mich ob es einen Hintereingang, ein Fenster gibt. Ja, ein Fenster zum Park gibt es, dieses ist aber vergittert. Nach wenigen Minuten brechen sie die Tür mit Fußtritten auf, nur die Kette geht kaputt. Es ist niemand mehr drin. Das Fenstergitter zum Park ist mit einem Wagenheber auseinander gebogen. Das Fenster ist nur angebohrt und der Schließmechanismus wurde von außen geöffnet, keine Scheibe ist eingeschlagen. Es fehlt meine selbstgebaute Stereoanlage (viel Glück!) und meine Schallplatten von A bis J. Anlässlich meines nächsten Heimatbesuches bemerke ich, dass auch der Reisekoffer fehlt.
Nach diesem dritten Einbruch bin ich in ein "besseres" Stadtviertel umgezogen, in ein Haus im dritten Stock. Der dritte Stock war mir wichtig, denn – so dachte ich mir - da steigt so leicht keiner mehr durchs Fenster ein.
Der Umzug in ein anderes Stadtviertel war das billigste an dieser Flucht. Mit Unterstützung von Freunden und Arbeitskollegen ist der Umzug eines Junggesellenhaushalts bald erledigt. Versichert war ich nicht, das Finanzamt hat meinen Antrag auf Steuerminderung wegen besonderer Belastung mit dem Hinweis auf "Lebenshaltungskosten" abgelehnt.
Karl Kapper, FPÖ-Obmann der Ortsgruppe Graz-Puntigam